Keynote Irmgard Vogt

Prof. Irmgard Vogt

Prof. Irmgard Vogt

Keynote Sprecherin

Frankfurt University of Applied Sciences 

Frankfurt, Germany

Profil

PL-05 | Frauen und Sucht revisited: Zum Stand der Frauen-Sucht-Forschung und der Behandlungspraxis

Mittwoch | 15.09.2021 | 09:00 - 10:00 Uhr

Abstract

Ein kurzer Blick zurück zum Buch von Merfert und Sotau aus dem Jahr 1984 mit dem Titel: „Frauen und Sucht“ zeigt, welche absurden Argumente damals ernsthaft diskutiert wurden, um Substanzkonsumstörungen bei Frauen zu erklären. Heute sind wir ein Stück weiter. Aktuelle Forschungen zu geschlechtsspezifischen Bedingungen, die zu substanzbezogenen oder verhaltensbezogenen Süchten führen können, verweisen z.B. auf neue Gefährdungen durch die Vielfalt der Identitäts- und Konsumangebote. Mädchen und junge Frauen haben häufiger als Jungen „gender troubles“, d.h. sie hadern mit ihrem Geschlecht, mit ihrem Körper und den Rollen und Funktionen, die sie für sich in dieser Welt sehen. Psychoaktive Substanzen und viele Angebote im Internet versprechen einfache Lösungen für komplexe Probleme. Auch zeigt die sozialpsychologische Forschung, dass wir alle bis zu einem gewissen Grad in den alten geschlechtsspezifischen Rollenmustern mit ihren inhärenten Machtverhältnissen gefangen sind. In diesen Kontexten sind Gewalttätigkeiten in den Herkunftsfamilien und in den eigenen Beziehungen angesiedelt. Frauen, die Opfer von Gewalttätigkeiten in Beziehungen geworden sind, setzen sehr oft psychoaktive Substanzen ein, um die Schmerzen und Demütigungen zu bewältigen, und diejenigen von ihnen, die bereits schädliche Konsummuster haben, gleiten leicht in eine manifeste Sucht ab. Substanzkonsum, das belegt eine Vielzahl von Studien, kann Gewalt in Beziehungen triggern, und Erfahrungen von Gewalt können Suchtentwicklungen auslösen und beschleunigen.

Im englischen Sprachraum hat die geschlechtsspezifische Suchtforschung in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Das hat sich z.B. in den USA vergleichsweise wenig auf die geschlechtsspezifischen Behandlungsangebote ausgewirkt. Immerhin gibt es in Deutschland einige gute Ansätze für die Arbeit mit suchtgefährdeten Mädchen und substanzabhängigen Frauen. Diese Projekte haben sehr viel Praxiswissen produziert, aber eher wenige qualitative und quantitative Forschungsergebnisse.  Diese werden aber gebraucht, wenn man Geldgeber von der Notwendigkeit und Nützlichkeit von geschlechtsspezifischen Einrichtungen und Behandlungen überzeugen will. Es gehört daher zu den Zukunftsaufgaben, die Frauen-Sucht-Forschung breit auszubauen.